Manchmal frage ich mich

Manchmal frage ich mich, wie wir es eigentlich geschafft haben unsere Kindheit zu überleben und mittlerweile zumindest halbwegs im Leben zu stehen?

Haben uns unsere Mütter mit Sagrotan voraus geputzt, so dass wir niemals die Chance hatten mit Keimen in Berührung zu kommen? Nein, an so was kann ich mich nicht erinnern. Wir durften im Dreck spielen, haben Regenwürmer gestreichelt und weder unsere Eltern sind in Ohnmacht gefallen, noch haben wir schwerere Schäden davon getragen. Auch als ein gewisser Martin für 50 Pfennig einen Käfer gegessen hat, war er nicht über Wochen krank.

Wir sind auf Bäume geklettert, von denen wir manchmal auch gestürzt sind und es ist nie etwas schlimmeres passiert. Vielleicht war das Glück oder wir waren einfach sehr gut im Klettern und konnten ein Sturz meisterhaft abfangen. Gezählt hat, dass wir es versucht haben. Zum Versuchen gehört auch das Scheitern, das ist normal. Es ist aber ganz bestimmt nicht daran gescheitert, dass unsere Eltern verboten hätten hochzusteigen – meist wussten sie sowieso nicht, wo wir gerade rumklettern. Heute würde vermutlich das Kinderhandy mit Überwachungsfunktion sofort melden, dass es sich 3m über dem Boden befindet, die besorgten Eltern säßen sofort im SUV und würden mit vollem Karacho zum Kind düsen.

Manchmal haben wir sogar heimlich Feuer gemacht. Wir haben niemals dabei einen Waldbrand ausgelöst. Nein, wir hatten das im Griff, auch wenn es unsere Eltern mehrmal verboten hatten. Ich traue mich wetten, dass kaum mehr Feuer gemacht werden. Heute wird die Feuer-App auf dem iPhone gestartet, das ist viel ungefährlicher und macht bestimmt auch warm.

Wir haben es hinbekommen, uns im Urlaub mit Kindern aus allen Ländern der Welt zu verständigen und das obwohl wir nicht mit 5 Jahren den VHS-Kurs „Business English for Kids“ besucht haben. Wir haben einfach Hände und Füße verwendet und – jetzt wirklich – das hat funktioniert.

Anstatt wie heute in nur 12 Jahren ein Abitur zu bekommen, mussten wir noch 13 Jahre zur Schule gehen. Wir haben uns nicht darüber beschwert, dass wir drei Mal die Woche am Nachmittag Schule hatten. Klar war das nicht toll, aber es war nunmal so. Auch haben wir unsere Lehrer nicht verklagt, wenn wir eine 5 in Deutsch bekommen haben. Nein, wir sind mit einem unguten Gefühl zu unseren Eltern und haben gebeichtet. Die haben uns zwar dann nicht den Kopf abgerissen aber begeistert waren sie nicht. Auf die Idee zum Anwalt zu gehen, wären sie nie gekommen.

Es gab keine Mobiltelefone für uns, um sich mal schnell zu verabreden. Man hat in der Schule was für den Nachmittag ausgemacht, hat bei den Freunden einfach geklingelt oder hat sich einfach draußen getroffen, weil es klar war, dass man sich trifft.

Wir haben nicht einfach den Fernseher im Kinderzimmer angeschaltet. Wir mussten uns selber beschäftigen. Wir haben mit Legosteinen gespielt und sind nicht dabei erstickt. Haben Spiele wie Monopoly oder Mensch Ärger dich gespielt, haben dabei lernen müssen, dass es eben nicht nur Gewinner gibt. Es gibt eben keinen letzten Speicherstand, wie auf der Playstation, von dem aus ich es so lange versuchen kann, bis ich gewinne. Nein verloren ist verloren und das ist auch gut so.

Wir mussten öfters Niederlagen einstecken, haben aber mindestens genau so oft gewonnen. Wir hatten eine verdammt tolle Kindheit und deswegen stehen wir heute auch mit beiden Beinen im Leben.

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